Kleider machen Leute

Gottfried Keller (1819-1890)

An einem kalten Tag im November wandert ein armer Schneider auf der Landstrasse nach Goldach, einer kleinen reichen Stadt, nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt. Der Schneider hat nur einen Fingerhut in der Tasche, denn sein Chef hat Konkurs gemacht und er hat nicht nur seine Arbeit, sondern auch seinen Arbeitslohn verloren.

Das Betteln fällt ihm jedoch sehr schwer, es ist quasi unmöglich, denn er ist sehr elegant gekleidet: über seinem schwarzen Sonntagsanzug -sein einziger Anzug- trägt er einen vornehmen dunkelgrauen Mantel mit schwarzem Samt, und eine polnische Pelzmütze schmückt seinen Kopf. Auch seine Haare sind sehr gepflegt. Er verfolgt mit diesem vornehmen Aussehen keine schlechten Absichten, aber er will sich auf keinen Fall von seinem Mantel und seiner Pelzmütze trennen, denn ein gepflegtes Aussehen ist das wichtigste für ihn.

Er geht traurig und müde einen kleinen Berg hinauf. Auf dem Weg nach oben trifft er auf eine prächtige neue Kutsche. Die Kutsche ist leer und der Kutscher geht neben der Kutsche, denn der Weg ist sehr steil. Oben angekommen, bietet der Kutscher dem Schneider einen Platz in der leeren Kutsche an.

Kleider machen Leute. Atma Unum
Kleider machen Leute. Atma Unum

Der Schneider nimmt das Angebot dankbar an und nach einer Stunde rollen sie schon in der prächtigen Kutsche durch den Torbogen von Goldach. Das vornehme Fuhrwerk hält vor dem ersten Gasthaus, «Zur Waage» genannt, an. Sofort zieht der Hausknecht mit aller Kraft an der Glocke. Gleich danach kommen der Wirt un andere Leute aus dem Gasthaus, auch die Kinder und Nachbarn sind aufgeregt zu dem prächtigen Wagen gerannt. Alle wollen den vornehmen Fahrgast sehen. Endlich kommt der perplexe Schneider aus der Kutsche. Die Leute sehen ihn in seinem eleganten Mantel -blass un schön und den Blick melancholisch auf den Boden gerichtet- und halten ihn für einen geheimnisvollen Prinzen oder für einen Grafensohn.

Nun gibt es aber nur wenig Platz zwischen der Kutsche und der Tür von dem Gasthaus, und ausserdem ist der Weg durch die Neugierigen versperrt. Sei es aus Mangel an Geistesgegenwart oder aus Mangel an Mut, der Schneider drängt sich nicht durch die Menge, sondern lässt sich in den Speisesaal führen.

«Möchte der Herr etwas essen?», fragt der Wirt und geht sofort -der Schneider hat keine Zeit für eine Antwort gehabt- in die Küche. In der Küche sind alle ganz aufgeregt, denn alle halten den armen Schneider für einen sehr vornehmen Mann. Der Wirt sagt: «Der junge Mann mag kaum den Mund öffnen von Vornehmheit!» So wählen sie in der Küche die besten Speisen aus und bereiten sie zu, denn dieser Edelmann soll überall -und vor allem in Seldwyla- von der exzellenten Bewirtung im Gasthaus «Zum Waage» berichten können.

Der Schneider ißt im Gasthaus

Für den Schneider ist die Situation sehr peinlich. Deshalb nimmt er seinen Mantel und will den Gasthof verlassen. In der Verwirrung findet er aber nicht sofort den Ausgang. Der Kellner sieht ihn und sagt: «Ah, der Herr möchte bestimmt auf die Toilette. Folgen Sie mir bitte.» Und sanft wie ein Lamm, geht er nun ohne Widerspruch zur Toilette, schließt die Tür hinter sich und bleibt eine Weile dort sitzen.

Mittlerweile befiehlt der Wirt -er hat den Schneider im Mantel gesehen: «Der Herr friert! Schnell, werft mehr Holz in den Ofen. Die Gäste in der ‘Waage’ dürfen doch nicht frieren.» Da kommt der Schneider schon wieder über den langen Gang gewandelt, melancholisch wie der Ahnherr eines Herrscherhauses. Der Wirt geht sofort auf ihn zu und führt ihn mit hundert Komplimenten zurück in den verwünschten Speisesaal und an den Tisch. Auf dem Tisch steht eine kräftige Suppe. Die Suppe raubt dem Schneider endgültig seinen Willen, denn er hat schon lange nichts mehr gegessen. So ißt er die Suppe schweigend.

Nach der Suppe gibt es Forelle. Doch der Schneider macht sich über die Folgen der Verwechslung Sorgen und wagt nicht, das Messer zu benutzen, sondern ißt nur schüchtern mit der Gabel. Die Köchin bemerkt das un sagt: «Das ist wirklich ein vornehmer Herr, der ißt den Fish ohne Messer. ¡Und wie schön und traurig er ist! Er ist bestimmt in ein armes Fräulein verliebt, aber man will es ihr nicht geben.»

Der Schneider trinkt nichts, deshalb sagt der Wirt zu ihm: «Dem Herrn schmeckt der Tischwein vielleicht nicht? Möchten Sie nicht vielleicht ein Glas guten Bordeaux?» Und hier begeht der Schneider seinen zweiten Fehler, denn er sagt aus Gehorsamkeit: «Ja.» Darauf geht der Wirt persönlich in den Keller und holt einen exquisiten Wein. Aber der Schneider trinkt aus Schüchternheit nur ganz kleine Schlucke. Das freut den Wirt, denn er Hält es für ein Zeichen vor Vornehmheit.

Auf diese Weise geht die Mahlzeit weiter, und zwar sehr langsam, denn der Schneider ißt und trinkt sehr unentschlossen. Aber nach und nach überwindet der Hunger den Schrecken und der Schneider sagt sich: «Es ist jetzt eben so, wie es ist. Ich werde sowieso dafür bestraft, deshalb esse ich mich jetzt richtig satt. Dann kann ich die Strafe auch leichter ertragen.» Und das tut er auch. Vor ihm steht jetzt eine Rebhuhnpastete. Und in weniger als fünf Minuten hat er die Hälfte gegessen. Jetzt trinkt er den Brotstücken in den Mund. Das Ganze sieht nun nicht mehr so elegant aus. Das fällt auch der Köchin und dem Wirt auf. Der Wirt sagt aber: «So habe ich bisher nur Generäle und Bischöfe essen sehen.»

Der Schneider verwandelt sich in einen Grafen

Mittlerweile hat der Kutscher die Pferde füttern lassen und selbst ein kräftiges Essen in der Stube für das untere Volk eingenommen. Die Angestellten im Gasthof ‘Waage’ können sich nicht mehr zurückhalten und fragen den Kutscher nach der gesellschaftlichen Stellung und dem Namen von dem Schneider. Der Kutscher ist ein schalkhafter un schlauer Typ. Er fragt: «Hat er es denn noch nicht selbst gesagt?» «Nein», erwidern die Leute, spricht nich viel. Nun, er ist der Graf Strapinski! Er wird heute und vielleicht noch einige Tage länger hier bleiben, denn ich soll mit dem Wagen vorausfahren.»

Er ist wütend über den Schneider, deshalb macht er diesen schlechten Spaß. Er denkt: «Der Schneider hat sich noch nicht einmal bei mir bedankt und spielt jetzt im Gasthof den großen Herrn.» So macht er noch eine Eulenspiegelei und bezahlt weder sein Essen noch das Futter für die Pferde und fährt weg.

Nun heißt der Schneider, ein geborener Schlesier, wirklich Strapinski, Wenzel Strapinski. Wahrscheinlich hat der Kutscher den Namen aus dem Wanderbuch von dem Schneider erfahren. So geht der Wirt also gleich zu dem Schneider und fragt freudestrahlend und händereibend: «Möchte der Herr Graf Strapinski zum Nachtisch vielleicht ein Glas Champagner? Ihr Zimmer ist auch schon vorbereitet.» Der arme Strapinski wird darauf ganz blaß und antwortet gar nichts.

Der Graf wird in die gute Gesellschaft eingeführt

«Sehr interessant», sagt der Wirt zu sich und geht in den Keller un holt nicht nur eine Flasche Champagner, sondern auch noch mehrere Flaschen guten Wein. So sitzt Strapinski bald vor einem Wald von Flaschen und Gläsern. Mittlerweile sind auch mehrere Söhne von reichen Kaufleuten der Stadt in den Gasthof gekommen. Alle wollen den polnischen Graf sehen und mit ihm sprechen. Außerdem wollen sie ihre eigene Weltgewandtheit aufzeigen.

Kurze Zeit später sitzen also alle um den Grafen herum, trinken seinen Wein, bieten ihm exotische Zigarren an und sprechen mit him. Strapinski spricht wenig. Nun lädt der Amtsrat die Anwesenden, und natürlich besonders den Grafen, zu einem Ausflug mit seinem Jagdwagen ein.

Strapinski ist durch den Wein mutiger geworden. Er sagt sich: «Auf diese Weise kann ich unbemerkt verschwinden. Für den Schaden sollen diese dummen und aufdringlichen Herrn selbst aufkommen.» Deshalb nimmt er die Einladung mit höflichen Worten an.

Seine Gefährten fragen ihn, ob er den Wagen führen möchte. Der Schneider hat den Militärdienst bei den Husaren gemacht, deshalb kann er gut mit Pferden umgehen. So nimmt er die Zügel und führt die Kutsche elegant zum Gutshof vom Amtsrat. Die lustige Männergesellschaft wird sofort mit vielen Karaffen voll mit Sauser empfangen und alle probieren das Getränk.

Nun teilt sich die Gesellschaft in zwei Gruppen. Sie wollen Karten spielen, denn das ist die Lieblingsbeschäftigung der Männer in diesem Land, wahrscheinlich aus einem angeborenen Tätigkeitstrieb heraus. Strapinski kann nicht mitspielen, denn er kennt das natürlich nicht. Deshalb muß er sich in die Mitte zwischen den beiden Gruppen setzen und zuschauen. Die jungen Männer wollen beweisen, daß sie gut Karten spielen können. Gleichzeitig wollen sie auch geistreiche Unterhaltungen mit dem Grafen führen. Die Gespräche drehen sich immer um Pferde und die Jagd. Der Schneider kennt sich gut aus in diesen Themen und macht mit einem schwermütigen Lächeln und einer gewissen Bescheidenheit den ein oder anderen Kommentar dazu. Bald sin alle überzeugt: «Das ist wirklich ein vollkommener Edelmann.»

Nur Melchior Böhni, der Buchhalter, ein geborener Skeptiker, reibt sich vergnügt die Hände und sagt sich: «Da stimmt etwas nicht. Dieser Mann hat so stark zerstochene Hände. Ich werde aber nichts dazu sagen.»

Die beiden Partien sind nun zu Ende. Die Herrn möchten auch keinen heißen Sauser mehr trinken, sie wollen sich nun mit dem kalten Wein von dem Amtsrat abkühlen. Die jungen Herrn wollen ja nicht in den schnöden Müßiggang verfallen, und sofort wird ein Hasardspiel vorgeschlagen. Man mischt die Karten und jeder wirft ein Geldstück hin. Strapinski kann natürlich nicht seinen Fingerhut setzen. «Solches Geldstück habe ich nicht» sagt er und wird rot. Aber schon hat Melchior Böhni für ihn gesetzt. Niemand hat darauf geachtet, denn diese reichen jungen Männer können sich nich vorstellen, daß man kein Geld hat.

Der Pole gewinnt das erste Spiel. Danach verliert er einige Spiele und gewinnt andere. Am Ende besitzt er einige Goldmünzen; so viel Geld hat er noch nie gehabt. Böhni hat ihn die ganze Aeit über genau beobachtet und ist sich sicher, daß Strapinski kein Graf ist. Strapinski ist jedoch freundlich und bescheiden. Er ist Böhni nich unsympathisch, deshalb sagt Böhni nichts.

Strapinski lernt Nettchen kennen

Nach dem Spiel und vor dem Abendessen geht die Gruppe ins Freie. Graf Strapinski denkt: «Das ist der richtig Moment für einen stillen Abschied.» Er hat nun genug Geld für die Reise und will dem Wirt ‘Zur Waage’ in der nächsten großen Stadt das Geld für das aufgedrängte Mittagessen schicken. So nimmt er also seinen weiten Mantel und seine Pelzmütze und geht langsam vor dem Haus auf und ab. Nach und nach entfernt er sich immer weiter vom Haus und von den jungen Männern und erreicht einen Feldweg.

Nun kann man ihn nicht mehr sehen und er geht mit großen Schritten los. Plötzlich kommt der Amtsrat mit seiner Tochter Nettchen hinter einer Ecke hervor. Nettchen ist ein hübsches Mädchen, sie ist sehr gut gekleidet und trägt viel Schmuck. «Wie suchen Sie, Herr Graf», ruft der Amtsrat. «Einerseits möchte ich Ihnen meine Tochter vorstellen, und andererseits möchte ich Sie zum Abendessen einladen.»

Strapinski nimmt schnell die Mütze von Kopf und macht, ganz rot im Gesicht, eine tiefe -sogar ängstliche- Verbeugung. Die junge Dame ist ganz begeistert von ihm: ein so vornehmer Mann und gleichzeitig so schüchtern. «Da sieht man», denkt sie, «je nobler umso bescheidener und unverdorbener.» Sie erwidert den Gruß und spricht sofort über viele verschiedene Dinge mit ihm -so wie es die Art der reichen Kleinstädterinnen ist.

Bei Strapinski kommt es jedoch jetzt zu einer Veränderung. Bis jetzt haber nur die anderen ihn in die Rolle des Grafen gedrängt und er hat nichts dazu beigetragen. Aber jetzt spricht er auf einmal gewählter und mischt eine Reihe polnischer Brocken in seine Rede.

Beim Abendessen bekommt er den Ehrenplatz neben der Tochter, denn ihre Mutter ist schon tot. Er ist zwar etwas melancholisch, denn er weiß, daß sein Glück nicht lange dauern wird. Er will aber einmal in seinem Leben etwas Besonderes sein und das will er genießen. Auch das Mädchen ist fasziniert von ihm und interpretiert seine Ungeschicklichkeit als eine markwürdige Unbefangenheit. Es wird ein sehr lustiger Abend. Jeder Gast singt ein Lied, und Strapinski muß ein polnisches Lied singen. Zum Glück kennt er ein kleines Lied auswendig und auch zum Glück will niemand die Übersetzung wissen, denn das Lied ist sehr vulgär.

Strapinski macht sich mit der Stadt vertraut

Am späten Abend fahren die Gäste nach Goldach zurück und bringen Strapinski ins Gasthaus. Strapinski ist sehr müde. Der Wirt führt ihn sofort auf das Zimmer. Dort angekommen, merkt der Wirt das fehlende Gepäck. Er fragt überall im Gasthaus nach dem Gepäck und kommt ganz aufgeregt zurück. Er sagt: «Es ist richtig, Herr Graf, der Kutscher hat ihr Gepäck nicht abgeladen. Es ist nichts da. Ich werde sofort den Kutscher suchen lassen.» Der Graf antwortet sehr aufgeregt: «Nein, das geht nicht. Man muß meine Spur für einige Zeit verlieren.» Der Wirt geht erstaunt zu seinen Gästen zurück und erzählt ihnen die Geschichte vom verfolgten Grafen. Alle denken, er ist Opfer von einer politischen Verfolgung.

Strapinski schläft sehr gut in seinem komfortablen Bett. Am nächsten Morgen wird er spät wach. Er schaut sich in seinem Zimmer um und staunt: das ganze Simmer ist voll von Kleidern und vor der Tür warten die Diener von seinen Freunden vom Vortag. Alle haben ein kleines Geschenk für den Grafen: Bücher, Stiefel, Schuhe und viele andere Sachen mehr. Alle wollen dem Grafen in seiner Not helfen und kündigen ihren Besuch für den Nachmittag an.

Strapinski hält das Ganze für einem Traum. Aber nein, die Kleider und Sachen sind real. So fügt sich der Schneider erneut in das Geschehen, zieht sich an und geht auf die Straße. Er will die Stadt besichtigen und ihre so ungewöhnlich freundlichen Bewohner näher kennenlernen. Die Stadt sieht tatsächlich sehr merkwürdig aus. Die meisten Häuser sind groß und schön, alle haben ein Emblem an der Fassade und jedes Haus hat einen eigenen Namen. Die Namen und Embleme passen zum Alter der Häuser. So gibt es Häuser aus dem Mittelalter, diese heißen zum Beispiel zum Schwert, zum goldenen Drachen usw. Die Häuser aus der Zeit der Aufklärung heißen zum Beispiel zur Eintracht oder zur Unabhängigkeit. Ein anderes Haus heißt zur Geduld. Hier wohnt der Schuldeneintreiber, ein hungriger Mann, denn in dieser Stadt bleibt keiner dem anderen etwas schuldig.

An jeder Straßenecke steht ein schön verzierter Turm und die ganze herrliche Stadt ist von einer alten Stadtmauer umgeben. Man braucht sie zwar nicht mehr, aber man hat sie nicht zerstört, denn sie ist mit dichtem Efeu überwachsen. All dies macht einen wunderbaren Eindruck auf den naiven Strapinski; er glaubt sich in einer anderen Welt. Er hält die Aufschriften an den Häusern für einen symbolischen Hinweis auf das Geschehen hinter den jeweiligen Haustüren. So denkt er zum Beispiel über das Gasthaus Zur Waage’: «Hier wird das ungleiche Schicksal abgewogen und ausgeglichen und machmal ein reisender Schneider zum Grafen gemacht.»

Während seiner Wanderung kommt er auch vor das Stadttor und auf das freie Feld. Hier meldet sich zum letzten Mal die Pflicht und der Gedanke, seinen Weg sofort fortzusetzen. Die Sonne scheint, die Straße ist gut, nicht zu trocken, nicht zu naß, zum Wandern wie gemacht. Reisegeld hat er nun auch und kann sich also eigentlich in aller Ruhe auf den Weg machen.

Da steht er nun n dem Kreuzweg. Hinter ihm die Stadt mit ihren freundlich rauchenden Schornsteinen, den goldenen Turmspitzen; Glück, Genuß und Verschuldung, ein geheimnisvolles Schicksal winkt ihm dort. Auf der anderen Seite glänzt aber die freie Ferne; Arbeit, Verzicht, Armut un Dunkelheit warten dort auf ihn, aber auch ein gutes Gewissen und ein ruhiges Leben.

Strapinski hat sich schon für die zweite Option entschieden und will gerade losgehen, da kommt plötzlich eine Kutsche. In der Kutsche sitzt das Fräulein von gestern. Sie sitzt mit wehendem blauem Schleier auf dem leichten Fuhrwerk und leitet das Pferd selbst in die Stadt. Strapinski nimmt sofort seine Mütze ab und legt sie demütig vor seine Brust. Das Mädchen erwidert den Gruß mit rotem Gesicht, aber sehr freundlich, un fährt schnell weiter.

Nun dreht sich Strapinski spontan wieder um und geht getrost in die Stadt zurück. Noch am selben Tag galoppiert er auf dem besten Pferd der Stadt, an der Spitze einer ganzen Reitergruppe, durch die Allee neben der Stadtmauer. Und die fallenden Blätter der Bäume tanzen wie ein goldener Regen um sein verklärtes Haupt.

Strapinski lernt seine Role

Ab jetzt verändert sich Strapinski ständig, gleich einem Regenbogen, der immer bunter wird an der hervorbrechenden Sonne. Er lernt in Stunden, in Augenblicken, was andere nicht in Jahren lernen. Er beobachtet die Sitten seiner Bekannten und formt sie zu etwas Neuem und Fremdartigen um. Er achtet besonders darauf, was die Leute von ihm denken und welches Bild sie sich von ihm machen. Das Bild formt er nach seinem Geschmack um, zum Vergnügen der einen und zur Bewunderung der anderen, besonders der Frauen. So wird er bald zum Helden eines netten Romans. An diesem Roman arbeitet sowohl er und als auch die ganz Stadt liebevoll. Das Hauptelement von dieser Geschichte bleib aber weiterhin das Geheimnis.

Strapinski erlebt jedoch eine schlaflose Nacht nach der anderen. Das hat er in seiner Dunkelheit früher nie gekannt. In diesen Nächten ist seine Angst vor der Enthüllung seiner wirklichen Identität genauso groß wie sein chlechtes Gewissen über sienen Betrug. Schon immer wollte er etwas Zierliches und Außergewöhnliches zeigen, und sei es auch nur in der Wahl seiner Kelider. Dieses Bedürfnis hat ihn in diesen Konflickt geführt und ist der Grund für seine Furcht. Sein Gewissen kann er nur durch eins beruhigen: er wartet nur auf einen guten Anlaß zur Abreise un dann will durch Lotteriespiel und ähnliche Dinge genügend Geld gewonnen. Danach wird er seine Schulden aus der Ferne bezahlen. Aus diesem Grund bestellt er in anderen Städten Lose. Die daraus entstehende Korrespondenz, der Empfang der Briefe, wird wieder als ein Zeichen seiner wichtigen Beziehungen interpretiert.

Er hat schon mehrmals ein paar Gulden gewonnen und diese sofort wieder zum Kauf von neuen Losen benutzt. Eines Tages gewinnt er allerdings eine beträchtliche Summe. Mit diesem Geld kann er eigentlich seine Absicht ausführen. Er ist schon nicht mehr erstaunt über sein Glück, es kommt ihm mittlerweile fast natürlich vor. Der Gewinn beruhigt ihn aber doch, von allem dem Gastwirt gegenüber. Denn er kann den Mann für sein gutes Essen gut leiden.

Er bezahlt aber seine Schulden nicht sofort, sondern er will eine kurze Geschäftsreise vortäuschen, un dann von irgendeiner großen Stadt einen Brief schreiben. In dem Brief will er erklären, daß sein Schicksal ihm eine Rückkehr verbietet; und er will darin seine Schulden bezahlen. Dann will er sich wieder -dieses Mal mit mehr Umsicht und Glück- seinem Schneiderberuf widmen. Sein größter Wunsch ist jedoch, als Schneidermeister in Goldach zu bleiben. Genügend Geld hat er jetzt dazu. Aber in Goldach kann er nur als Graf leben, das ist klar.

Es gibt noch ein anderes Problem. Das schöne Nettchen ist die letzte Zeit immer freundlicher und liebevoller zu ihm gewesen. Die Beziehung zwischen beiden ist auch schon Gesprächsthema in der Stadt. Die Leute haben sie sogar schon manchmal die Gräfin genannt. Wie kann er diesem Menschen so etwas antun? Wie kann er das Schicksal so frevelhaft Lügen strafen? Er weiß keine Antwort.

Strapinski ist an diesem Abend zu einem prächtigen Ball geladen. Er geht in tiefes, einfaches Schwarz gekleidet dort hin und erklärt dem Gastgeber gleich, daß er bald abreisen muß. In zehn Minuten kennt die ganze Versammlung die Nachricht. Strapinski sucht den Blickkontakt mit Nettchen. Diese weicht aber seinen Blicken aus, wird bald rot und bald blaß. Dann tanzt sie mehrmals hintereinander mit jungen Herrn und lehnt eine Einladung vom Polen zum Tanz ab.

Merkwürdig aufgeregt und traurig verläßt Strapinski den Saal und geht mit wehenden Locken auf dem Gartenweg hin und her. Er ist nur wegen Nettchen solange in dem Ort geblieben, das ist ihm jetzt klar. Und ihm ist auch noch etwas anderes klar: die ganze Situation ist vollkommen unmöglich.

Strapinski und Nettchen verloben sich

Plötzlich hört er Schritte hinter sich: Nettchen geht an ihm vorüber und ruft nach ihrem Wagen. Der steht aber auf den anderen Seite von dem Haus, hier gibt es nur Kohl und kleine Rosenbäume. Dann kommt sie wieder zurück. Strapinski stellt sich mitten auf den Weg un hält die Arme bittend nach ihr aus. Da fällt si ihm un den Hals und weint. Er bedeckt ihre heißen Wagen mit seinen duftenden dunklen Locken und sein Mantel legt sich über die schlanke, stolze, schneeweiße Gestalt der jungen Dame wie mit schwarzen Adlerflügeln. Die beiden bilden wirklich ein schönes Paar.

Strapinski aber verliert in diesem Abenteuer seinen Verstand und gewinnt das Glück. Das lacht, wie bekannt ist, ja öfter den Unverständigen. Nettchen sagt ihrem Vater noch in der gleichen Nacht: «Ich werde niemand anderen als den Grafen heiraten.» Strapinski erscheint am frühen Morgen und wirbt -liebenswürdig schüchtern und melancholisch wie immer- um ihre Hand.

Der Vater antwortet auf die Bewerbung wie folgt: «So hat also sich das Schiksal und der Wille von diesem törichten Mädchen erfüllt. Schon alas Kind wollte sie nur einen Italiener oder einen Polen heiraten und nun haben wir das Ergebnis. Alle inländischen Heiratsanträge hat sie abgelehnt. Vor kurzen mußte ich den lugen und tüchtigen Melchior Böhni wieder wegschicken, und sie hat ihn sogar noch verhöhnt. Dann nehmen Sie also diese Gans, Herr Graf!»

Nun gibt es eine große Bewegung, in wenigen Tagen soll die Verlobung stattfinden denn der Graf muß ja, wie wir alle wissen, auf eine dringende Geschäftsreise gehen. Strapinski bringt zur Feier teure Brautgeschenke. Sie kosten ihn die Hälfte von seinem Vermögen. Die andere Hälfte benutzt er für ein Fest zu Ehren seiner Braut.

Es ist gerade Fastnachtszeit. Die Sonne scheint und die Landstraßen sind vereist und bieten eine prächtige Schlittenbahn. Deshalb veranstaltet Herr von Strapinski eine Schlittenfahrt und einen Ball in einem beliebten Gasthaus vor der Stadt. Das Gasthaus befindet sich zufälligerweise genau in der Mitte zwischen Goldach und Seldwyla.

Nun ist es so, daß sich Melchior Böhni is der letzten Zeit zu Geschäften in Seldwyla aufgehalten hat. Außerdem haben die Selwyler für den gleichen Tag wie die Golacher eine Schlittenfahrt zum gleichen Ort organisiert, und zwar eine Maskenfahrt.

Der Goldacher Schlittenzug fährt um die Mittagszeit unter Schellenklang, Posthorntönen und Peitschenknallen durch die Straßen der Stadt. Im ersten Schlitten sitzt Strapinski mit seiner Braut. Er mit einem dicken Mantel mit grünen Pelz und sie in einem weißen Pelz und blauem Schleier. Hinter ihnen kommen fünfzehn bis sechzehn Kutschen, alle für den besonderen Tag frisch geputzt und geschmückt. So fährt der lustige Zug auf sein Ziel zu.

Ganz nah am Ziel hören sie plötzlich von der anderen Seite lustige Musik. Er sind die Leute aus Seldwyla auf zumeist bäuerlichen Schlitten. Manche Schlitten sind zusammengebunden. Auf den ersten beiden steht eine kolossale Figur mit Flittergold und wehenden Kleidern. Sie stellt die Göttin Fortuna dar. Auf dem zweiten Geföhrt steht ein riesiger Ziegenbock. Er verfolgt die Göttin mit gesenkten Hörnern. Danach kommt eine andere Kutsche mit einem riesigen Bügeleisen und danach eine andere mit einer riesigen Schere. Danach kommen noch andere Kutschen mit Anspielungen auf das Schneiderwesen.

Beide Züge kommen gleichzeitig auf dem Platz vor dem Gasthof an. Die Leute aus Goldach sind überrascht und erstaunt über die merkwürdige Begegnung, die Seldwyler verhalten sich zunächst gemütlich und freundschaftlich bescheiden. Ihr vorderster Schlitten mit der Fortuna trägt die Inschrift: «Leute machen Kleider». Un tatsächlich repräsentiert die ganze Gesellschaft Schneider aus allen Nationen una allen Zeiten. Der letzte «Kleider machen Leute». Auf diesem Schlitten stehen Kaiser und Könige, Prälaten und Äbtissinnen.

Dieser Schneiderzug tritt höflich zurück un läßt die Goldacher Herrn und Damen, das Brautpaar an der Spitze, ins Haus spazieren. Die Seldwyler gehen danach in die unteren Räume. Die Goldacher stolzieren hingegen in den großen Festsaal. Die Goldacher lachen über die Seldwyler; nur der Graf fühlt sich nich ganz wohl. Er weiß aber nicht, daß diese Leute aus Seldwyla sind. Und Melchior Böhni -der Buchhalter ist mittlerweile zu den Goldachern getreten- nennt laut eine ganz andere Ortschaft als den Ursprungsort vom Maskenzug.

Die Demaskierung

Bald sitzen beide Gruppen, jde in einem anderen Stockwek, lustig vor den gedeckten Tischen. Nach dem Essen gehen die Goldacher in den Tanzsaal zum Tanzen. Plötzlich kommt eine Gruppe von Seldwylern in den Tanzsaal. Sie sagen: «Wir Seldwyler möchten Ihnen gerne einen Schautanz vorführen.» Dieses Angebot kann man schwer ablehnen. So setzen sich die Goldacher nach Anordnung der besagten Delegation in einen großen Halbkreis, Strapinski und Nettchen in der Mitte.

Num treten nacheinander die Schneidergruppen in den Saal. Jede stellt in einer Pantomime den Satz «Kleider machen Leute» und seine Umkehrung dar. Zuerst nähen sie fleißig ein prächtiges Kleidungsstück, einen Fürstenmantel und ähnliches. Und dann bekleiden sie eine arme Person mit dem Mantel. Und diese Person erscheint dann plötzlich ganz umgewandelt und geht stolz und feierlich nach dem Takt der Musik im Saal umher.

Nach und nach sind alle Gruppen aufgetreten und haben sich zu den Goldachern in den Halbkreis gestellt, dieser ist jetzt ein richtiger kreis geworden. Plötzlich wird die Musik melancholisch und eine letzte Figur tritt in den Kreis. Es ist ein schlanker junger Mann in dunklem Mantel, mit dunklen schönen Haaren und einer polnischen Mütze auf dem Kopf: er stellt niemand anderen als den Graf Strapinski dar.

Alle schauen gespannt auf die Gestalt. Der Mann macht feierlich und schwermütig einige Schritte nach der Musik. Dann tritt er in die Mitte von dem Ring, legt den Mantel auf den Boden, setzt sich im Schneidersitz auf den Mantel und packt sein Bündel aus. Er zieht einen fast fertigen Grafenmantel aus dem Bündel, fast so wie Strapinski ihn in diesem Augenblick trägt. Nun näht er schnell noch ein paar Troddeln und Bänder an und bügelt ihn. Danach legt er den alten Rock ab und zieht das Prachtkleid an. Nun nimmt er einen kleinen Spiegel, kämmt sich und sieht am Ende genau wie der Graf aus.

Plötzlich wird die Musik schneller, der Mann packt seine alten Sachen zusammen und wirft sie in die Ecke. Danach bewegt er sich wie ein vornehmer Mann in stattlichen Tanzschritten durch den Kreis, verbeugt sich vor den Anwesenden und bleibt schließlich vor dem Brautpaar stehen. Die Musik verstummt und im Saal ist es plötzlich ganz still.

«Ei, ei, ei!» ruft er nun mit lauter Stimme und deutet auf den Unglücklichen, «Sieh da, der Bruder Schlesier! Er ist mir aus dem Geschäft gelaufen. Nun, es freut mich, daß es Ihnen gut geht. Haben Sie Arbeit in Goldach gefunden?»

Gleichzeitig gibt er dem bleichen und lächelnden Grafensohn die Hand. Dieser ergreift sie willenlos, und sein Doppelgänger ruft: «Kommt, Freunde, seht hier unseren sanften Schneidergesellen, der unseren Dienstmädchen so gefällt.»

Nun gehen alle Seldwyler zu Strapinski und schütteln ihm die Hand. Gleichzeitig setzt die Musik mit einem lebhaften Marsch wieder ein, und die Seldwyler ziehen am Brautpaar vorbei unter Absingen eines diabolischen Lachchors aus dem Saal. Auch die Goldacher -Böhni hat ihnen mittlerweile das Mirakel erklärt- laufen im Saal hin und her und es kommt zu einem großen Tumult.

Strapinski flieht

Kurze Zeit später ist der Saal fast leer; wenige Leute stehen an den Wänden und flüstern miteinander; ein paar junge Damen stehen in einiger Entfernung von Nettchen. Das Paar selbst sitzt unbeweglich auf seinen Stühlen, gleich einem steinernen ägyptischen Königspaar, ganz still und einsam.

Er geht wie ein Toter durch die Goldacher und Seldwyler hindurch. Diese lassen ihn auch passieren. Sie lachen nicht und beschimpfen ihn auch nicht. Er geht auch zwischen den zur Abfahrt bereiten Schlitten und Pferden von Goldach hindurch -die Seldwyler hingegen wollen nun erst richtig feiern- und begibt sich halb unbewußt auf die Straße nach Seldwyla. Kurz danach verschwindet er in der Dunkelheit.

Seine Polenmütze hat er im Tanzsaal vergessen neben den Handschuhen. So geht er mit gesenktem Kopf und die frierenden Hände unter die gekreuzten Arme gesteckt.

Seine Gedanken sammeln sich nach und nach. Das erste deutliche Gefühl ist eine immense Schande. Danach löst sich dieses Gefühl aber auf in eine Art Bewußtsein von erlittenem Unrecht. Er hat bis zu seinem glorreichen. Einzug in die verwünschte Stadt ni ein Vergehen begangen. Selbst als Kind hat er nie gelogen. Und jetz ist er nur durch die Torheit der Welt zu einem Betrüger geworden. Dann denkt unser Schneider an seine verlassene Braut und weint bitterlich.

Mit zu den Sternen ausgestreckten Armen taumelt er langsam vorwärts. Plötzlich sieht er Lichter im Schnee und hört Stimmen. Es sind die Seldwyler. Sie sind auf dem Weg nach Hause. Er springt schnell über den Straßengraben und versteckt sich im Wald. Der tolle Zug fährt an ihm vorbei und danach ist es wieder still. Der Schneider lauscht noch eine Weile bewegungslos im Schnee. Dann streckt er seine Beine aus und schläft ein.

Mittlerweile hat auch Nettchen den Saal verlassen. Zuerst hat sie eine Stunde unbeweglich auf dem Stuhl gesessen. Dann ist sie aufgestanden und ratlos zur Tür gelaufen. Zwei Freundinnen haben ihr Mantel, Tücher und Hut gebracht. Sie hat stolz und zornig um sich geschaut. Der Blick hat auch Melchior Böhni getroffen. Dieser hat sich ihr nämlich freundlich, demütig un lächelnd genähert. Er wollte sie nach Hause begleiten. Nettchen hat ihn ignoriert und hat den Saal verlassen.

Jetzt geht sie mit festem Schritt in den Hof zu ihrem Schlitten. Sie steigt auf den Schlitten, nimmt die Peitsche und fährt schnell los. Aber sie fährt nich nach Hause, sondern nimmt die Straße nach Seldwyla. Der Vollmond scheint sehr hell und Nettchen schaut aufmerksam links und rechts auf den Weg. Gleichzeitig gehen ihr, fast wie im Traum, viele Fragen durch den Kopf. Was sind Glück und Leben? Wovon hängen sie ab? Was sind wir selbst, wenn wir wegen einer lächerlichen Fastnachtslüge glücklich oder unglücklich werden?

Diese und andere Fragen gehen ihr durch den Kopf, da sieht sie plötzlich eine lange dunkle Gestalt im Schnee liegen. Nettchen hält die Pferde an. Es ist ganz still im Wald. Ja, es ist Wenzel. Der dunkelgrüne Samt von seinem Mantel sieht sogar im nächtlichen Schnee schön und edel aus; der schlanke Körper und die geschmeidigen Glieder, alles sagt sogar noch in der Erstarrung, am Rand des Todes: Kleider machen Leute.

Die einsame Schöne geht langsam zu ihm hin, beugt sich über ihn und bekommt einen großen Schreck: ist er schon tot? Sie nimmt eine seiner kalten und gefühllosen Hände. Sie vergißt alles andere, rüttelt den Armen und ruft ihm seinen Vornamen ins Ohr. «Wenzel! Wenzel!» Umsonst, er rührt sich nicht, er atmet nur schwach und traurig. Dann nimmt sie die Hände voll Schnee und reibt ihm die Nase, das Gesicht und auch die Finger kräftig Und endlich erholt sich de Unglückliche, öffnet die Augen und stecht langsam auf.

Nettchen will die Wahrheit wissen

Er blickt sich um und sieht die Retterin von sich stehen. Sie hat den Schleier zurückgeschlagen. Wenzel erkennt jeden Zug in ihrem weißen Gesicht. Er wirft sich vor ihr auf den Boden, küßt den Rand von ihrem Mantel und ruft: «Verzeih mir! Verzeih mir!» «Komm, fremder Mensch!» sagt sie mit zitternder Stimme. Sie winkt ihn zum Schlitten, gibt ihm Mütze und Handschuhe, ergreift Zügel und Peitsche und fährt los.

Hinter dem Wald, nicht weit von der Straße, liegt ein Bauernhaus. Dort wohnt eine Witwe. Nettchen ist die Patin von einem ihrer Kinder. So fährt Nettchen nun zu diesem Haus. Die Bäuerin ist noch wach. Si öffnet das Fenster und schaut verwundert heraus, «Ich bin’s, nun, wir sind’s!», ruft Nettchen. «Wir haben uns auf neuen Straße verirrt. Macht uns bitte einen Kaffee, liebe Frau.»

Die Bäuerin macht vergnügt die Tür auf. In ihren Augen sind Glück und Glanz der Welt in diesen Personen in ihr Haus getreten. Sie führt die beiden Gäste in das Wohnzimmer, kümmert sich um die Pferde und bereitet einen Kaffee. Bald kommt sie mit zwei Tassen Kaffee zurück.

Nettchen steht auf und flüstert ihr zu: «Laßt uns jetzt eine Viertelstunde allein, liebe Frau, wir haben uns ein bißchen gestritten und müssen uns jetzt aussprechen.» Die Frau geht verständnisvoll weg. «Trinken Sie dies», sagt Nettchen nun zu Wenzel, «es wird Ihnen gut tun.» Sie selbst setzt sich wieder hin, trinkt aber nichts. Wenzel trinkt die Tasse aus und hebt danach den Kopf. Er hat ihn die ganze Zeit über gesenkt gehalten. Nettchen schaut ihn prüfend an, schüttelt den Kopf und sagt dann: «Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?»

«Ich bin ein armer Narr», erwidert Wenzel, «aber ich werde alles gut machen und nicht mehr lange am Leben bleiben!» Das sagt er ganz überzeugt und ehrlich. Nettchen sieht ihn aufmerksam an, wiederholt aber ihre Frage. Nun erzählt er ihr die ganze Geschichte mit der Verwechslung. Er sagt ihr auch, daß er mehrmals fliehen wollte und nur wegen ihr geblieben ist.

«Und wohin wollten Sie mit mir gehen und was wollten Sie mit mir machen?», fragt Nettchen. «Ich weiß es nicht», erwidert Wenzel, «ich habe auf weitere merkwürdige und glückliche Dinge gehofft, manchmal habe ich auch an den Tod gedacht…» Wenzel spricht nicht weiter und sein bleiches Gesicht wird ganz rot. «Warum haben Sie mich nich im kalten Schnee liegen gelassen!», ruft er zum Schluß aus.

Danach ist es wieder still in der Stube. Nach einer Weile fragt Nettchen: «Haben Sie solche oder ähnliche Streiche schon früher gemacht und fremde Menschen angelogen?» «Das habe ich mich in dieser traurigen Nacht auch schon gefragt», antwortet Wenzel. «Nein, ich bin noch nie ein Lügner gewesen. Ich habe sogar einmal, da war ich noch sehr jung, auf ein Glück verzichtet.»

«Welches Glück?» fragt Nettchen.

«Meine Mutter ist vor ihrer Heirat bei einer Gutsherrin in Diensten gewesen und mit ihr auch in große Städte gereist. Deshalb hat sie eine feinere Art bekommen als die anderen Frauen im Dorf. Und sie war wohl auch etwas eitel, denn sie kleidete sich und mich, ihr einziges Kind, immer etwas eleganter. Mein Vater, ein armer Schulmeister, ist früh gestorben. Deshalb mußte meine Mutter alle Hoffnungen auf ein besseres Leben aufgeben und sehr hart arbeiten. Wir waren aber trotzdem sehr arm.

«Eines Tages -ich war damals circa sechzehn Jahre alt- kommt unerwartet die verwitwete Gutsherrin. Sie will die Gegend verlassend und mich mitnehmen, denn sie mag mich gern. Sie will mir eine Ausbildung bezahlen. Meine Mutter ist zuerst damit einverstanden, denn dieses Angebot war wirklich ein Glück für mich. Nach ein paar Tagen wird sie aber sehr nachdenklich und traurig. Sie bittet mich unter vielen Tränen, sie nich zu verlassen. Sie sagt zu mir: «Ich werde bestimmt früh sterben, danach kannst du immer noch etwas Gutes lernen!»

«So habe ich also das großzügige Angebot der Dame abgelehnt. Im Dorf selbst hat es für mich nur Arbeit bei dem Dorfschneider gegeben. Ich wollte zwar nicht, hatte aber keine andere Wahl. Danach mußte ich zum Militärdienst. Nach einem Jahr bin ich zum Urlaub nach Hause gefahren und da war meine Mutter gerade gestorben. Nach dem Ende vom Militärdienst bin ich dann einsam durch die Welt gereist und endlich hier in mein Unglück geraten. Das ist die ganze Geschichte.»

Das wunderbare Wiedersehen

Nettchen lächelt und schweigt einen Moment lang. Dann sagt sie: «Ein so liebenswürdiger Mann wie Sie hat bestimmt viele Liebschaften gehabt und mehr als eine arme Frau auf dem Gewissen?»

«Ach Gott», erwidert Wenzel und wird ganz rot. «vor Ihnen habe ich noch nie die Fingerspitzen von einem Mädchen berührt, außer…»

«Außer?» fragt Nettchen.

«Nun, diese Gutsherrin hatte eine Tochter von sieben bis acht Jahren, ein heftiges Kind, aber doch gut wie Zucker und schön wie ein Engel. Wir waren sehr gute Freunde. Ich habe es oft begleitet. Das Mädchen wollte unbedingt, daß ich zusammen mit ihr und ihrer Mutter wegziehe. Und sie war sehr böse, daß ich im Dorf geblieben bin. Seitdem muss ich manchmal an das Mädchen denken und es ist mir immer im Herz geglieben.»

Plötzlich schaut Wenzel ganz erschrocken Nettchen an. «Warum sehen Sie mich so an?», fragt Nettchen mit einer seltsamen Stimme und auch etwas blaß. Wenzel zeigt mit dem Finger auf sie und ruft: «Das habe ich schon einmal gesehen. Auch bei dem Mädchen haben sich die Haare um Stirn und Schläfen in Zorn etwas gehoben.» Und tatsächlich haben sich ihre Locken über Stirn und Schläfen bei dem Gespräch leicht bewegt.

Nach kurzem Schweigen steht Nettchen auf, geht zu Wenzel hin und fallt ihm mit den Worten un den Hals: «Ich will dich nicht verlassen! Du bist mein, ich will mit dir gehen trotz aller Welt!»

So feiern sie erst jetzt ihre richtige Verlobung aus tief entschlossener Seele und Nettchen nimmt in süßer Leidenschaft ein Schicksal auf sich.

Nettchen trifft eine mutige Entscheidung

Aber Nettchen ist nicht dumm, sie will das Schicksal selbst ein wenig lenken, so entscheidet sie mutig: «Wir fahren jetzt direkt nach Seldwyla und zeigen ihnen, daß sie uns erst recht vereinigt und glücklich gemacht haben!» Wenzel ist nicht damit einverstanden, er will lieber mit ihr romantisch an einem fernen unbekannten Ort leben. Aber Nettchen sagt: «Keine Romane mehr! Ich will mich öffentlich zu dir bekennen, wie du bist, ein armer Wandersmann, und in meiner Heimat all diesen Stolzen und Spöttern zum Trotz deine Frau sein. Laß uns nach Seldwyla ziehen.»

Und wie gesagt, so getan! Es steht ihnen nichts im Wege, denn Nettchen ist vor drei Tagen volljährig geworden. So verabschieden sie sich vor der Bäuerin und fahren nach Sedwyla.

In Seldwyla halten sie von dem Gasthaus «Zum Regenbogen» und treten in den Wirtssaal. Dort sitzen noch ein paar Schlittenfahrer. Sie sehen das Paar und rufen: «Ha, da haben wir eine Entführung. Wir haben eine köstliche Geschichte provoziert.» Die beiden beachten sie nicht. Wenzel begleitet Nettchen auf ihr Zimmer und geht danach in den «Wilden Mann», ein anderes gutes Gasthaus, und geht stolz zwischen den dort trinkenden Seldwyler hindurch in sein Zimmer.

Auch in der Stadt Goldach sprechen alle von Entführung. Am frühen Morgen fahren Böhni und der Amtsrat aufgeregt nach Seldwyla. Vor dem «Regenbogen» sehen sie den Schlitten von Nettchen stehen. Der Vater betritt das Gasthaus und will mit Nettchen sprechen. Nettchen hat mittlerweile des besten Rechtsanwalt der Stadt beauftragt. Schweren Herzens geht der Vater zu seiner Tochter. Er will sie zur Heimkehr überzeugen.

Aber Nettchen läßt sich nich überzeugen. Sie dankt zuerst ihrem Vater für all seine Liebe und Güte und erklärt dann mit bestimmten Worten folgendes: Erstens will sie nach den Vorfällen nich mehr in Goldach leben, wenigstens nich die nächsten Jahre; zweitens will sie ihr mütterliches Erbe annehmen, der Vater hatte es ja schon lange für ihre Heirat bereitgehalten; drittens will sie unbedingt Wenzel Strapinski heiraten; viertens will si mit ihm in Seldwyla wohnen und ein Geschäft aufmachen; und fünftens und letztens wird alles guten werden, denn Wenzel ist ein guter Mensch und wird sie glücklich machen.

Nettchen und Strapinski heiraten trotz aller Widerstände

Der Amtsrat führt nun die verschiedensten Argumente an. Aber Nettchen läßt sich nich überzeugen. Mittlerweile ist auch der Anwalt gekommen. Er spricht beruhigend mit dem Vater und schickt Wenzel zurück in den ‘Wilden Mann».

In Seldwyla weiß man schon vorn großen Vermögen von Nettchen und ihrer Absicht, in der Stadt zu bleiben. Deshalb schlägt die Stimmung der Seldwyler zugunsten vom Schneider und seiner Verlobten um. Außerdem geht in der Stadt das Gerücht um, die Schöne soll mit Gewalt nach Goldach zurückgebracht werden. Deshalb stellen die Seldwyler bewaffnete Wachen vor den «Regenbogen» und den «Wilden Mann» und machen, wie immer, einen gewaltigen Radau.

Der erschreckte und gereizte Amtsrat schickt seinen Böhni nach Goldach um Hilfe. Am nächsten Tag kommt dieser mit vielen Männern aus Goldach zurück und es ist kurz vor einer Schlacht zwischen beiden Städten. Beide Parteien stehen sich drohend gegenüber. In diesem Augenblick kommen zum Glück höhere Amtspersonen in die Stadt und übernehmen die Verhandlungen.

Aber Nettchen bleibt fest und Wenzel läßt sich nicht einschüchtern und so Kommt es nach langen Verhandlungen zu folgendem Ergebnis: Nettchen kann über ihre Heirat selbst entscheiden. Der einzige Hinderungsgrund kann die zweifelhafte Persönlichkeit von Wenzel Strapinski sein.

Der Rechtsanwalt hat aber mittlerweile ermittelt, daß der fremde junge Mann weder in seiner Heimat noch auf seinen bisherigen Fahrten irgendein Delikt begangen hat und nur gute Zeugnisse besitzt. Außerdem beweist der Anwalt, daß Wenzel sich in Goldach niemals als Graf ausgegeben hat. Außerdem hat er auf allen Dokumenten nur mit seinem wirklichen Namen unterschrieben. Er hat also nur ein Delikt begangen: Er hat eine törichte Gastfreundschaft genossen.

So endet der Krieg mit einer Hochzeit. Die Seldwyler feiern die Hochzeit lautstark, sehr zum Berdruß der Goldacher. Der Amtsrat zahlt Nettchen nach der Hochzeit ihr ganzes Vermögen aus und das Paar gründet ein großes Tuchgeschäft mit dem Geld.

Wenzel erweist sich in den nächsten Jahre als ein bescheidener, sparsamer und fleißiger Geschäftsmann. Mit dem Schwiegervater hat er sich bald versöhnt und beide zusammen machen sehr gute Geschäfte. Er stellt viele schöne Kleider und Mäntel für die Seldwyler her. Er gibt ihnen aber keinen Kredit, sie müssen alles bar bezahlen. Das gefällt den Seldwylern natürlich überhaupt nich, aber si können nichts dagegen tun.

Im Lauf der Jahre wird Wenzel rund und stattlich und sieht fast gar nicht mehr träumerisch aus. Nach zehn oder zwölf Jahren kehrt er zusammen mit Nettchen un ihren zehn oder zwölf Kindern nach Goldach zurück. Dort lebt er dann als ein angesehener Mann.

In Seldwyla hat er jedoch nichts zurückgelassen, sei es aus Undank oder Rache.

Deja una respuesta

Introduce tus datos o haz clic en un icono para iniciar sesión:

Logo de WordPress.com

Estás comentando usando tu cuenta de WordPress.com. Salir /  Cambiar )

Imagen de Twitter

Estás comentando usando tu cuenta de Twitter. Salir /  Cambiar )

Foto de Facebook

Estás comentando usando tu cuenta de Facebook. Salir /  Cambiar )

Conectando a %s