Johann Peter Hebel
In einem Wirtshaus einer niederländischen Stadt sitzen viele Leute. Die einen kennen sich, die anderen nicht, denn es ist Markttag. Zundelfrieder kennt niemand.

“Gebt mir auch noch ein Glas Wein”, sagt ein dicker bürgerlich gekleideter Mann zu dem Wirt und nimmt eine Prise Tabak aus einer schweren silbernen Dose. Da sieht Zundelfrieder zu, wie ein Junge sich zu dem dicken Mann setzt, ein Gespräch mit ihm anfängt und ein paarmal wie von ungefähr nach der Jackentasche guckt, wo der Mann die Dose hingesteckt hat.
Am Anfang steht der Junge. Er bestellt dann ein Glas Wein, setzt sich auch auf die Bank, und spricht mit dem Dicken allerlei kuriose Sachen, woran dieser Mann viel Spaß findet.
Endlich kommt ein Dritter. “Entschuldigung”, sagt der Dritte, “kann man auch noch ein wenig Platz hier haben?” Also rückt der Junge ganz nahe an den dicken Mann hin, und unterhält sich weiter:
“Ja”, sagt er, “es hat mich sehr beeindruckt, als ich in dieses Land gekommen bin, und gesehen habe, wie die Windmühlenflügel mit dem Wind gehen. In meinem Land gibt es das ganze Jahr keine Luft. Also muß man die Windmühlen anlegen, wo die Wachteln ihren strich haben. Wenn nun im Frühjahr die Milliontausend Wachteln durchs Meer her aus Afrika kommen, und über die Mühlenräder fliegen, so fangen die Mühlen an zu gehen, und wer in dieser Zeit nicht mahlen läßt, hat das ganze Jahr kein Mehl.”
Darüber gerät der dicke Mann so ins schlaue Junge die fast der Atem vergeht. Da nimmt der schlaue Junge die Dose. “Bitte, jetzt hört auf”, sagt der Dicke. “Ich krümme mich vor Lachen”, und schenkt ihm von seinem Wein noch ein Glas ein.
Der Junge trinkt den Wein und sagt: “Der Wein ist gut. Ich muß auf die Toilette. Entschuldigung”, sagt er zu dem Dritten, der neben ihm sitzt, “laßt mich einen Augenblick heraus.” Den Hut hat er schon auf. Als er aber zur Tür hinausgeht, und fort will, geht ihm Zundelfrieder nach, nimmt ihn draußen zur Seite und sagt zu ihm: “Wollt Ihr mir auf der Stelle meines Herrn Schwagers seine silberne Dose zurückgeben? Mein Ihr, ich habe es nich gemerkt? Oder soll ich Lärm machen? Ich have Euch vor den vielen Leuten schonen wollen, die drin in der Stube sitzen.”
Als der Dieb sieht, daß der Fremde alles weiß, gibt er zitternd Zundelfrieder die Dose, und bittet ihn um Gottes Willen, still zu sein. “Seht”, sagt Zundelfrieder, “in solche Not man kommen, wenn man auf bösen Wegen geht.”
Den Hut hat Zundelfrieder auch schon auf. Also gibt er dem Jungen noch eine Prise Tabak aus der Dose und trägt sie danach zu einem Goldschmied.
*Wir hoffen, dass Sie diese Informationen nützlich finden. Wir freuen uns über Ihr „Gefällt mir“, Ihren Kommentar oder Ihr Teilen. Wir laden Sie außerdem ein, die Atma Unum-Bücher unter diesem Link zu kaufen: https://www.amazon.com/stores/Raal-Ki-Victorieux/author/B0827RP88K
Be First to Comment